Mareike (36 Jahre) und Thomas (43 Jahre)

Ich erkrankte mit 17 an Hodenkrebs, es war eine furchtbare Zeit. Alles ging ganz schnell: Ein Arzt stellte die Diagnose, ein anderer empfahl eine sofortige Entfernung des Hodens, weil der Krebs schon so weit vorangeschritten war. Kein Arzt sprach über eine mögliche Zeugungsunfähigkeit bzw. Unfruchtbarkeit nach einer solchen Behandlung oder gar über die Möglichkeit, mein Sperma einfrieren zu lassen, und für mich war in diesem Alter der Gedanke an Kinder sehr weit weg. Als ich meine Frau kennenlernte, sprach ich mit ihr von Anfang an über meine Erkrankung und darüber, dass ich wahrscheinlich zeugungsunfähig bin. Weil sie aber gerne Kinder gehabt hätte, ließ ich ein Spermiogramm machen. Doch der Urologe fand keinen Samen im Ejakulat. Das war eine definitive Diagnose. Meine Frau litt viel mehr unter dieser Diagnose, als sie erwartet hatte. Ich glaube, sie hatte doch noch recht viel Hoffnung.

Weil es für sie so schwierig war, sich ein Leben ohne Kinder vorzustellen, wandten wir uns an eine Beratungsstelle. Dort gab es eine Fachkraft, die auf Kinderwunschberatung spezialisiert war. Mit ihr besprachen wir alles. Sie fragte auch, ob wir uns denn eine medizinische Behandlung vorstellen könnten, aber das kam für uns gar nicht infrage. Ich wollte mich keiner Operation unterziehen, die nur eine ganz kleine Chance auf ein Kind bot. Und eine Samenspende oder Adoption war für uns beide nicht vorstellbar. Wir wollten ein Kind, das von uns beiden abstammt. Wir sind nicht sonderlich religiös, aber die Vorstellung, so gravierend in einen natürlichen Prozess wie das Kinderkriegen einzugreifen, das lehnten wir beide ab. Die Beraterin unterstützte uns dann darin, andere Ideen für unser Leben zu entwickeln und auch umzusetzen. Aber zunächst stand für uns ein Trauerprozess an. Mit ihrer Hilfe besprachen wir beide nochmals unsere Vorstellungen, die wir mit einem Leben mit Kind hatten und die wir nun loslassen mussten. Das war schmerzhaft, aber es war auch gut, dass wir alles ausgesprochen hatten. Wir erfuhren viel von unseren Träumen und Ängsten voneinander, und das hat uns eng zusammengeschweißt. Dann fingen wir sozusagen mit der „Aufbauarbeit“ eines Lebens ohne Kinder an. Meine Frau investierte einiges in berufliche Fortbildungen und wir beide legten uns gemeinsam ein neues Hobby zu: Wir kauften uns gute Fahrräder und fingen an, fast jedes Wochenende längere Touren zu fahren. Das tat (und tut) uns körperlich gut und es machte den Kopf frei.

Nun leben wir im Jahr 4 ohne Kind, und es geht uns besser, als wir anfangs gedacht hätten. Wir genießen die Zeit, die wir haben, sehr bewusst. Ab und zu kommt natürlich der Gedanke an ein Leben ohne Kind noch hoch, und ab und zu trauern wir diesem Leben auch noch etwas nach. Aber wir wissen nun, dass das Leben für uns auch ohne Kind gut weitergeht. 

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